Die nicht-invasive Beatmung mit Atemmaske und die invasive Beatmung über einen Luftröhrenschnitt sind etablierte Behandlungen bei ALS. Sie können Beschwerden durch die erschwerte Atmung lindern und die Lebenszeit verlängern. Eine Studie der ALS-Ambulanz der Charité hat die Beatmungstherapie nun erstmals in einer großen deutschen Patientengruppe über einen längeren Zeitraum untersucht. Die Ergebnisse wurden im European Journal of Neurology veröffentlicht.
Analysiert wurden 1.720 Menschen mit ALS, die innerhalb von zwölf Jahren an der Charité behandelt wurden. 20,8 Prozent erhielten eine nicht-invasive Beatmung. Mit dieser Therapie war im statistischen Mittel ein Überlebensvorteil von sieben Monaten verbunden. Die tatsächliche Überlebenszeit unterschied sich jedoch stark und reichte von wenigen Monaten bis zu mehreren Jahren.
Die vergleichsweise geringe Nutzung der Maskenbeatmung weist auf eine mögliche Unterversorgung hin. Bei einem Bulbärsyndrom kann die Anpassung der Maske schwierig oder unmöglich sein. Manche Betroffene empfinden die nächtliche Anwendung als belastend. Andere können die Maske aufgrund ausgeprägter Armlähmungen nicht selbst anlegen oder korrigieren und benötigen Unterstützung durch eine Pflegekraft. Diese Behandlungspflege wird von den Krankenkassen jedoch häufig nur nach Antrag bewilligt oder abgelehnt.
Eine invasive Beatmung über einen Luftröhrenschnitt erhielten 9 Prozent der Patientinnen und Patienten. Die mediane Lebenszeit lag bei 82 Monaten und damit 48 Monate höher als bei Menschen ohne Beatmungstherapie. Die individuellen Unterschiede waren allerdings besonders groß: Einzelne Betroffene lebten mit invasiver Beatmung mehr als 20 Jahre.
Die statistischen Ergebnisse erlauben keine verlässliche Prognose für einzelne Personen. Dafür sind eine persönliche Beratung und die Berücksichtigung zahlreicher Faktoren notwendig, darunter Erkrankungsschwere, Verlaufsgeschwindigkeit, Atemkapazität, Hustenkraft, Körpergewicht und Biomarker.
Die Studie bestätigt den Überlebensvorteil der Beatmungstherapie bei ALS in einem deutschen Zentrum. Zugleich macht sie strukturelle Defizite bei der pflegerischen Unterstützung sichtbar. Eine bessere Versorgung könnte mehr Betroffenen den Zugang zur nächtlichen Maskenbeatmung ermöglichen.
Die Untersuchung wurde unter anderem durch die Initiative „Hilfe für Menschen mit ALS“, die Boris Canessa ALS Stiftung und Ambulanzpartner unterstützt.
Angaben zur Publikation: Spittel S, Maier A, Kettemann D, Walter B, Koch B, Krause K, Norden J, Münch C, Meyer T. Non-invasive and tracheostomy invasive ventilation in amyotrophic lateral sclerosis: Utilization and survival rates in a cohort study over 12 years in Germany. Eur J Neurol. 2020 Nov 19. doi: 10.1111/ene.14647.
Autor: Thomas Meyer