Biomarker-Studie zu Neurofilament light chain (NfL) bei der ALS

* Bildinformation <p>Mus­ku­la­tur bei der ALS, mikro­sko­pi­sche Dar­stel­lung, @Institut für Neu­ro­pa­tho­lo­gie der Cha­ri­té</p>

Bio­mar­ker-Stu­die zu Neu­ro­fi­la­ment light chain (NfL) bei der ALS


Durch Unter­stüt­zung der Boris Canes­sa ALS Stif­tung wird an 21 ALS-Zen­tren in Deutsch­land ein For­schungs­pro­gramm zum Bio­mar­ker Neu­ro­fi­la­ment Light Chain (NfL, Neu­ro­fi­la­ment leich­te Ket­te) durch­ge­führt.

Die Stu­die wird durch die ALS-Ambu­lanz der Cha­ri­té koor­di­niert und wis­sen­schaft­lich gelei­tet. Dabei soll die not­wen­di­ge Daten­ba­sis für die Nut­zung der NfL-Serum­kon­zen­tra­ti­on (der NfL-Blut­test) geschaf­fen wer­den, um den Ver­lauf der ALS ein­deu­ti­ger vor­her­sa­gen und die Wirk­sam­keit neu­er The­ra­pien exak­ter und frü­her bestim­men zu kön­nen.

Das Pro­te­in Neu­ro­fi­la­ment Light Chain (NfL) ist ein wich­ti­ger Bau­stein im Auf­bau von Ner­ven­zel­len (Neu­ro­nen) und deren Fort­sät­zen (Axo­nen) im Gehirn und Rücken­mark sowie Ner­ven­strän­gen des mensch­li­chen Kör­pers. Bei einer Schä­di­gung von Ner­ven­zel­len, so auch beim Abbau moto­ri­scher Neu­ro­ne bei der ALS, kommt es zu einer Frei­set­zung von NfL in das „Ner­ven­was­ser“ (Liqu­or) und Blut (Serum).

Ziel des Pro­jekts

In die­ser Stu­die soll als wesent­li­che Fra­ge geklärt wer­den, ob durch die Bestim­mung der NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Blut eine Vor­her­sa­ge über den Krank­heits­ver­lauf, die Pro­gres­si­ons­ra­te oder das Anspre­chen inno­va­ti­ver The­ra­pie­ver­fah­ren mög­lich ist. Durch die Ein­bin­dung von mehr als 5.000 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten mit ALS in eine wis­sen­schaft­li­che Stu­die soll die not­wen­di­ge Daten­ba­sis für die Nut­zung der NfL-Serum­kon­zen­tra­ti­on als
Bio­mar­ker der ALS geschaf­fen wer­den.

 

Durch spe­zi­el­le Ana­ly­se­me­tho­den ist NfL im Blut­se­rum und Liqu­or nach­weis­bar. Ins­be­son­de­re bei ALS-Pati­en­ten mit einer mitt­le­ren oder höhe­ren Pro­gres­si­ons­ra­te zeigt sich eine Erhö­hung der NfL-Kon­zen­tra­ti­on. Trotz die­ser grund­sätz­li­chen Erkennt­nis sind zahl­rei­che For­schungs­fra­gen unge­klärt. So ist bis­her unbe­kannt, wie sich die NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Ver­lauf der ALS ver­än­dert oder inwie­weit bestimm­te Vari­an­ten („Phä­no­ty­pen“) der ALS mit einer NfL-Erhö­hung (oder gerin­ge­ren Wer­ten) ver­bun­den sind. Eine wei­te­re For­schungs­fra­ge berührt die Eig­nung von NfL für den raschen Nach­weis einer Wirk­sam­keit von Medi­ka­men­ten und ande­ren Behand­lungs­ver­fah­ren (NfL als „The­ra­pie­mar­ker“).

Die Stu­die erforscht fol­gen­de Zusam­men­hän­ge:

  • Besteht eine Kor­re­la­ti­on zwi­schen der NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Blut und dem Krank­heits­ver­lauf? Lässt sich eine höhe­re NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Blut bei einer schnel­le­ren Pro­gres­si­on der ALS nach­wei­sen?
  • Wie ver­än­dert sich die NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Krank­heits­ver­lauf? Nimmt die NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Ver­lauf der ALS wie­der ab?
  • Besteht eine Kor­re­la­ti­on zwi­schen der NfL-Kon­zen­tra­ti­on und der ALS-The­ra­pie: Las­sen sich The­ra­pie­ef­fek­te von neu­en Medi­ka­men­ten (z. B. von Tofer­sen und Stu­di­en­me­di­ka­men­te) sowie von ande­ren ALS-The­ra­pien (z. B. der hoch­ka­lo­ri­schen Ernäh­rungs­the­ra­pie oder der nicht-inva­si­ve­n/in­va­si­ver Beatmung) mit NfL nach­wei­sen?

Für die Bestim­mung der NfL-Kon­zen­tra­ti­on wird die Sin­gle Mole­cu­le Ana­ly­sis-Metho­de (SIMOA) ein­ge­setzt. SIMOA steht für den eng­li­schen Begriff „Sin­gle Mole­cu­le Ana­ly­sis“ – und lässt sich mit der „Ana­ly­se ein­zel­ner Mole­kü­le“ über­set­zen. Die SIMOA-Metho­de wur­de erst vor weni­gen Jah­ren in den USA eta­bliert. In Deutsch­land sind nur weni­ge SIMOA-Gerä­te ver­füg­bar. Die SIMOA-Metho­de erlaubt die Mes­sung des Mole­küls NfL in Kon­zen­tra­tio­nen von Piko­gramm, d.h. dem Bil­li­ons­ten Teil eines Gramms.

Umset­zung und aktu­el­ler Stand

Durch Finan­zie­rung der Boris Canes­sa ALS Stif­tung wur­de die Beschaf­fung eines SIMOA-Ana­ly­se­ge­rä­tes (HD‑X, Quan­terix Inc., USA) mög­lich, das inzwi­schen in den Labor­räu­men der Cha­ri­té auf­ge­baut und ein­ge­rich­tet ist. Die tech­ni­sche Eta­blie­rung erfolg­te zwi­schen März und Juli 2020 durch das NfL-Team an der Cha­ri­té. Die per­so­nel­le Aus­stat­tung des Ana­ly­se­teams sowie des Pro­jekt­ma­nage­ments und eine Pro­jekt­för­de­rung für wei­te­re ALS-Zen­tren in Deutsch­land wur­den eben­falls durch Mit­tel der Stif­tung ermög­licht.

Die NfL-Stu­die ist der­zeit das umfas­sends­te wis­sen­schaft­li­che Vor­ha­ben der ALS-For­schung in Deutsch­land. Es han­delt sich um die umfang­reichs­te Stu­die in Bezug auf die teil­neh­men­den Stu­di­en­zen­tren und die Anzahl der inte­grier­ten Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten. Die per­so­nel­le Aus­stat­tung des Pro­jekt­ma­nage­ments und des NfL-Ana­ly­se­teams sowie die Pro­jekt­för­de­rung an den betei­lig­ten ALS-Zen­tren in Deutsch­land wur­den durch Mit­tel der Stif­tung ermög­licht.

Das For­schungs­pro­jekt wird an ins­ge­samt 21 ALS-Zen­tren in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz durch­ge­führt. Über den aktu­el­len Stand und die Zwi­schen­er­geb­nis­se wird im Blog berich­tet. Eine detail­lier­te Beschrei­bung der Stu­die sowie häu­fi­ge Fra­gen und Ant­wor­ten fin­den Sie hier.

Der­zeit konn­ten mehr als 5.000 Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten in die NfL-Stu­die ein­ge­schlos­sen wer­den. Die hohe Pati­en­ten­zahl ist als ein gro­ßer Erfolg des Pro­jekt­ma­nage­ments und der gesam­ten Stu­di­en­or­ga­ni­sa­ti­on zu wer­ten. Zugleich zeigt die hohe Anzahl der teil­neh­men­den Pati­en­ten das Inter­es­se der Betrof­fe­nen an der NfL-Ana­ly­se und ist Aus­druck des Enga­ge­ments der teil­neh­men­den Stu­di­en­zen­tren. Auf­grund die­ses Inter­es­ses
und der indi­vi­du­el­len Rele­vanz des NfL-Wer­tes wur­de die Ent­schei­dung getrof­fen, die NfL-Ana­ly­se wei­te­ren Men­schen mit ALS zur Ver­fü­gung zu stel­len.

Nut­zen des Pro­jek­tes

Nut­zen für teil­neh­men­de Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten
Die NfL-Stu­die ist mit einem unmit­tel­ba­ren Nut­zen für die teil­neh­men­den Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten ver­bun­den: Sie kön­nen auf Wunsch ihre indi­vi­du­el­len NfL-Wer­te im Krank­heits­ver­lauf erfah­ren. Der Bio­mar­ker dient der Dia­gno­se­si­che­rung und der Ein­schät­zung der eige­nen Krank­heits­pro­gres­si­on. Der Ein­satz die­ses Bio­mar­kers könn­te zudem eine prä­zi­se­re Pro­gno­se­ab­schät­zung und damit eine spe­zi­fi­sche­re Bera­tung jedes ein­zel­nen Pati­en­ten ermög­li­chen. Dies kann für die wei­te­re Lebens­pla­nung einen ent­schei­den­den Gewinn bedeu­ten. Auch eine Ver­kür­zung und Ver­bes­se­rung kli­ni­scher Stu­di­en und damit eine rasche­re Medi­ka­men­ten­ent­wick­lung ist für alle Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten ein wich­ti­ges
Anlie­gen.

Nut­zen für ALS-Zen­tren
Durch die Bereit­stel­lung einer gemein­sa­men Infra­struk­tur (zen­tra­le SIMOA-Ana­ly­se, Logis­tik, Bio­bank und Stu­di­en­soft­ware) wird die bestehen­de wis­sen­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit der ALS-Zen­tren gestärkt und die ALS-For­schung in Deutsch­land beför­dert. Mit dem NfL-Vor­ha­ben wird den Zen­tren ermög­licht, den NfL-Bio­mar­ker mit in ihr dia­gnos­ti­sches Ange­bot auf­zu­neh­men. Die NfL-Stu­die stellt eine wich­ti­ge Stär­kung der Ver­net­zung von ALS-Zen­tren in der kli­ni­schen ALS-For­schung dar. Nur durch die Ver­füg­bar­keit aus­rei­chen­der Per­so­nal- und Sach­mit­tel kann die Samm­lung und Ana­ly­se gro­ßer sorg­fäl­tig doku­men­tier­ter kli­ni­scher Daten­sät­ze in Kom­bi­na­ti­on mit metho­disch genau stan­dar­di­sier­ten und gemäß dem neu­es­ten
Stand der Tech­nik durch­ge­führ­ten Labor­un­ter­su­chun­gen zum Erfolg gebracht wer­den.

Bei­trag zum Fort­schritt bei der ALS
Mit der Eta­blie­rung des Bio­mar­kers NfL als Diagnostik‑, Pro­gno­se- und The­ra­pie­mar­ker erfährt die ALS-For­schung einen erheb­li­chen Ent­wick­lungs­schub. Durch das Pro­jekt ist eine deut­li­che Beschleu­ni­gung der kli­ni­schen For­schung in der Ent­wick­lung neu­er
The­ra­pie­op­tio­nen zu erwar­ten. Die Bestim­mung von NfL kann dazu bei­tra­gen, the­ra­peu­ti­sche Effek­te von inno­va­ti­ven Medi­ka­men­ten früh­zei­ti­ger zu erken­nen und damit die Dau­er von kli­ni­schen Stu­di­en zu redu­zie­ren.

Aus­blick

Ins­ge­samt sol­len wei­te­re NfL-Tests bei Betrof­fe­nen durch­ge­führt und ana­ly­siert wer­den, um Lang­zeit­da­ten zu erhe­ben und die Aus­sa­ge­fä­hig­keit des Bio­mar­kers NfL in allen Krank­heits­pha­sen der ALS zu ermit­teln. Die Ergeb­nis­se die­ser Stu­die wer­den wei­ter­hin dazu bei­tra­gen, den Bio­mar­ker NfL wis­sen­schaft­lich zu eta­blie­ren. Die Stu­die wird zudem wich­ti­ge Ein­bli­cke in Krank­heits­me­cha­nis­men und Ver­laufs­for­men erlau­ben.


Zusätz­lich soll unter­sucht wer­den, ob Kor­re­la­tio­nen zwi­schen der NfL-Kon­zen­tra­ti­on und the­ra­peu­ti­schen Maß­nah­men bestehen, ins­be­son­de­re in Hin­blick auf Beatmungs- und Ernäh­rungs­the­ra­pie. Dabei soll geprüft wer­den, ob eine früh­zei­ti­ge Beatmungs­the­ra­pie oder eine hoch­ka­lo­ri­sche spe­zi­el­le Ernäh­rung mit einer Reduk­ti­on des NfL-Wer­tes im Blut und somit einer mög­li­chen Ver­lang­sa­mung der Neu­ro­de­ge­nera­ti­on ein­her­geht.

Publi­zier­te Ergeb­nis­se aus der NfL-ALS-Stu­die
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Mehr Infor­ma­tio­nen

NfL-Bio­mar­ker-Stu­die

In die­sem Video wird das For­schungs­pro­jekt „Bio­mar­ker NfL bei der ALS“ erklärt. An der Cha­ri­té und 12 wei­te­ren ALS-Zen­tren in Deutsch­land wird die Nut­zung des Pro­te­ins Neu­ro­fi­la­ment Light Chain (NfL) als Bio­mar­ker der Amyo­tro­phen Late­ral­skle­ro­se (ALS) erforscht. Dabei soll die Fra­ge geklärt wer­den, ob durch die Bestim­mung der NfL-Kon­zen­tra­ti­on im Blut eine Vor­her­sa­ge über den Krank­heits­ver­lauf, die Pro­gres­si­ons­ra­te oder das Anspre­chen inno­va­ti­ver The­ra­pie­ver­fah­ren mög­lich ist.

ALS-Pod­cast #2: NF-L-Stu­die bei der ALS mit Prof. Dr. Tho­mas Mey­er & Susan­ne Spit­tel

An ins­ge­samt 12 ALS-Zen­tren in Deutsch­land wird eine mehr­jäh­ri­ge Stu­die zum Bio­mar­ker Neu­ro­fi­la­ment Light Chain (NF‑L) durch­ge­führt – geför­dert von der Boris Canes­sa ALS Stif­tung. Prof. Dr. Tho­mas Mey­er, Lei­ter der ALS-Ambu­lanz der Cha­ri­té, gibt umfas­sen­de Infor­ma­tio­nen zur Stu­die. Durch das Inter­view führt Susan­ne Spit­tel, Wis­sen­schaft­le­rin an der ALS-Ambu­lanz der Cha­ri­té.
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ALS-Pod­cast #27: 7 Pro­gno­se­fak­to­ren bei der ALS mit Prof. Dr. Tho­mas Mey­er

Die eige­ne, indi­vi­du­el­le Pro­gno­se gehört zu den häu­figs­ten und zugleich schwie­rigs­ten Fra­gen im ärzt­li­chen Gespräch bei der Mit­tei­lung der Dia­gno­se einer ALS und im wei­te­ren Krank­heits­ver­lauf. Eine exak­te Ant­wort zur Pro­gno­se – in wel­chem Jahr und in wel­chem Monat wel­che Sym­pto­me zu erwar­ten sind – ist kaum mög­lich. Das gilt auch für die damit ver­bun­de­ne Fra­ge der zu erwar­ten­den Lebens­span­ne. Trotz der Schwie­rig­keit – und Unmög­lich­keit – der Beant­wor­tung die­ser Fra­gen wer­den im ALS-Pod­cast sie­ben Pro­gno­se­fak­to­ren the­ma­ti­siert, die den Krank­heits­ver­lauf der ALS bestim­men kön­nen.
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ALS-Pod­cast #58: Aktu­el­les zum Pro­gno­se­fak­tor NfL – Gespräch mit Peg­gy Schu­mann

Neu­ro­fi­la­ment Light Chain (NfL) wird seit Juni 2020 – mit maß­geb­li­cher Finan­zie­rung durch die Boris Canes­sa ALS Stif­tung – in der Bio­mar­ker­stu­die „NfL-ALS“ an 20 ALS-Zen­tren in Deutsch­land, Öster­reich und der Schweiz unter­sucht. An die­ser Stu­die haben bis­lang mehr als 5.200 Men­schen mit ALS teil­ge­nom­men. Damit han­delt es sich welt­weit um die umfang­reichs­te For­schungs­ak­ti­vi­tät zu NfL bei der ALS. Die Stu­die hat wesent­lich dazu bei­getra­gen, NfL als wich­ti­gen Pro­gno­se­fak­tor für den Krank­heits­ver­lauf der ALS zu eta­blie­ren. Gleich­zei­tig hat sich die Daten­la­ge zu die­sem Bio­mar­ker in den ver­gan­ge­nen Jah­ren kon­ti­nu­ier­lich wei­ter­ent­wi­ckelt. Der aktu­el­le Stand der For­schung, die pro­gnos­ti­sche Bedeu­tung sowie häu­fi­ge Fra­gen zu NfL wer­den gemein­sam mit Peg­gy Schu­mann bespro­chen – Bio­tech­no­lo­gin und kli­ni­sche For­sche­rin am ALS-Zen­trum der Cha­ri­té.
zum ALS-Pod­cast #58