Zusammenfassung
Zielsetzung: Ziel der Studie war es, die Häufigkeit krankheitsverursachender Varianten im SOD1-Gen im Rahmen eines genetischen Untersuchungsprogramms bei Amyotropher Lateralsklerose (ALS) zu erfassen. Zudem wurde untersucht, wie der Übergang in ein Härtefallprogramm beziehungsweise ein Programm für den erweiterten Zugang (Expanded Access Program, EAP) zur Behandlung mit Tofersen in der klinischen Praxis erfolgte.
Methoden: Zwischen Oktober 2021 und Februar 2024 wurden an elf deutschen ALS-Zentren genetische Untersuchungen der Gene SOD1, FUS, TARDBP und C9orf72 durchgeführt. Die Teilnehmenden konnten wählen, ob sie über alle festgestellten genetischen Varianten oder ausschließlich über SOD1-Varianten informiert werden wollten, die für eine Behandlung mit Tofersen relevant sind. Außerdem wurde der Übergang in das Tofersen-Härtefallprogramm untersucht.
Ergebnisse: Insgesamt wurden 1.935 Menschen mit ALS genetisch untersucht. Bei 94,7 Prozent lag keine bekannte familiäre Häufung der Erkrankung vor. 48,8 Prozent der Teilnehmenden (n = 928) entschieden sich dafür, über behandlungsrelevante genetische Befunde informiert zu werden.
Folgende genetische Veränderungen wurden festgestellt:
- bei 1,8 Prozent (n = 34) wahrscheinlich oder sicher krankheitsverursachende SOD1-Varianten der Klassen 4 oder 5,
- bei 0,8 Prozent (n = 16) SOD1-Varianten unklarer Bedeutung der Klasse 3,
- bei 0,9 Prozent (n = 17) wahrscheinlich oder sicher krankheitsverursachende FUS-Varianten,
- bei 1,3 Prozent (n = 25) wahrscheinlich oder sicher krankheitsverursachende TARDBP-Varianten und
- bei 7,0 Prozent (n = 135) eine krankheitsrelevante Wiederholungsveränderung im C9orf72-Gen.
Bei den 50 Personen mit einer SOD1-assoziierten ALS einschließlich Varianten der Klassen 3 bis 5 berichteten 68 Prozent (n = 34) über keine familiäre Vorbelastung. Insgesamt begannen 37 dieser Betroffenen – 74 Prozent der SOD1-Gruppe und 1,9 Prozent aller untersuchten Personen – eine Behandlung mit Tofersen.
Vom Beginn der genetischen Untersuchung bis zum Behandlungsbeginn vergingen im Median 94 Tage. Die individuelle Dauer lag zwischen 57 und 295 Tagen. Acht Personen entschieden sich gegen die Therapie. Fünf Betroffene verstarben, bevor die Behandlung begonnen werden konnte.
Schlussfolgerung: Der Nachweis von SOD1-Varianten bei Menschen ohne bekannte familiäre Vorbelastung unterstreicht die Bedeutung einer breiten genetischen Untersuchung bei ALS. Die Möglichkeit einer Behandlung mit Tofersen wurde von der Mehrheit der Menschen mit SOD1-ALS genutzt.
Die erheblichen Unterschiede bei der Zeitspanne zwischen genetischer Untersuchung und Therapiebeginn zeigen zugleich, dass ein strukturiertes Versorgungsprogramm für Menschen mit SOD1-ALS notwendig ist.