Zusammenfassung
Hintergrund: Bei der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) wurde die leichte Neurofilamentkette (NfL) als Biomarker zur Einschätzung der Prognose eingeführt. Seit Kurzem können NfL-Werte den Betroffenen auch über die ALS-App zur Verfügung gestellt werden. Die überarbeitete ALS-Funktionsskala (ALSFRS‑R) ist ein etabliertes Instrument zur Selbsteinschätzung des Krankheitsverlaufs. Sie kann während eines Ambulanztermins oder aus der Ferne erhoben werden. Bisher gibt es jedoch nur wenige systematisch erhobene Daten darüber, wie Menschen mit ALS prognostische Informationen zu NfL und ALSFRS‑R sowie deren digitale Bereitstellung wahrnehmen.
Methoden: In einer multizentrischen Studie wurden 149 Menschen mit ALS dazu befragt, wie sie die Weitergabe von Informationen zu NfL und ALSFRS‑R wahrnehmen. Dafür wurden ein eigens entwickelter Fragebogen und etablierte Erhebungsinstrumente eingesetzt. Die Bereitschaft, die Bestimmung von NfL beziehungsweise die Erhebung der ALSFRS‑R anderen Betroffenen zu empfehlen, wurde mithilfe des Net Promoter Score (NPS) ermittelt.
Die mögliche Belastung durch diese Informationen wurde in zwei unterschiedlichen Situationen untersucht:
- bei der persönlichen Mitteilung von NfL- und/oder ALSFRS-R-Ergebnissen während eines Ambulanztermins und
- bei der digitalen Bereitstellung von NfL-Werten und der selbstständigen Erfassung der ALSFRS‑R über die ALS-App.
Die allgemeine Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung wurde mit der Kurzform des Fragebogens zur Progredienzangst (FoP-Q-SF) erfasst.
Ergebnisse: Informationen zu NfL und ALSFRS‑R wurden von 75,2 beziehungsweise 77,2 Prozent der Befragten als persönlich relevant eingeschätzt. Für die ALS-Forschung hielten 98 Prozent die NfL-Werte und 96 Prozent die ALSFRS-R-Daten für bedeutsam.
Der Net Promoter Score zeigte eine hohe Bereitschaft, die Bestimmung von NfL (+21) und die Erhebung der ALSFRS‑R (+26) anderen Menschen mit ALS zu empfehlen.
Nur eine Minderheit empfand die Mitteilung der NfL-Werte als belastend. Bei der persönlichen Besprechung in der Ambulanz lag dieser Anteil bei 4,2 Prozent, bei der digitalen Bereitstellung bei 12 Prozent. Dieser Unterschied war statistisch signifikant. Die digitale Selbsterfassung der ALSFRS‑R wurde insgesamt gut angenommen; 9,8 Prozent der Teilnehmenden empfanden sie als belastend. Bei 40 Prozent der Befragten zeigte der Fragebogen eine Angst vor dem Fortschreiten der Erkrankung.
Schlussfolgerungen: Die Studie unterstreicht die Bedeutung von Informationen über NfL und ALSFRS‑R aus Sicht der Menschen mit ALS. Zugleich erkannten die Teilnehmenden den hohen Wert dieser Daten für die ALS-Forschung.
Die Mitteilung von NfL-Werten und ALSFRS-R-Ergebnissen wurde nur selten als belastend empfunden – auch bei der digitalen Bereitstellung über die ALS-App. Die Ergebnisse unterstützen die weitere Entwicklung eines patientenzentrierten Umgangs mit prognostischen Informationen bei ALS.cher Untersuchung und Therapiebeginn zeigen zugleich, dass ein strukturiertes Versorgungsprogramm für Menschen mit SOD1-ALS notwendig ist.