Motor phenotypes of amyotrophic lateral sclerosis - a three-determinant anatomical classification based on the region of onset, propagation of motor symptoms, and the degree of upper and lower motor neuron dysfunction

PMID: 40289140
Autoren: Thomas Meyer, Matthias Boentert, Julian Großkreutz, Patrick Weydt, Sarah Bernsen, Peter Reilich, Robert Steinbach, Annekathrin Rödiger, Joachim Wolf, Ute Weyen, Albert C. Ludolph, Jochen Weishaupt, Susanne Petri, Paul Lingor, René Günther, Wolfgang Löscher, Markus Weber, Christoph Münch, André Maier, Torsten Grehl

Zusam­men­fas­sung

Hin­ter­grund: Die unter­schied­li­chen moto­ri­schen Erschei­nungs­for­men sind ein grund­le­gen­des Merk­mal der Amyo­tro­phen Late­ral­skle­ro­se (ALS). Ein­zel­ne ALS-For­men kön­nen mit unter­schied­li­chen Krank­heits­ver­läu­fen und Über­le­bens­zei­ten ver­bun­den sein. Trotz ihrer Bedeu­tung für die medi­zi­ni­sche Ver­sor­gung und For­schung gibt es bis­lang kei­nen umfas­sen­den Kon­sens zur Ein­tei­lung der moto­ri­schen ALS-Phä­no­ty­pen.

Metho­den: Zwi­schen Mai 2023 und Dezem­ber 2024 wur­de in einem Exper­ten­ver­fah­ren ein Kon­sens zur Klas­si­fi­ka­ti­on der moto­ri­schen ALS-Phä­no­ty­pen erar­bei­tet. Vor­ge­schla­gen wur­de eine ana­to­mi­sche Ein­tei­lung anhand von drei Merk­ma­len:

  • Regi­on des Krank­heits­be­ginns (Onset, O),
  • Aus­brei­tung der moto­ri­schen Sym­pto­me (Pro­pa­ga­ti­on, P) und
  • Aus­maß der Funk­ti­ons­stö­rung des obe­ren und/oder unte­ren Moto­neu­rons (Motor neu­ron dys­func­tion, M).

Die Klas­si­fi­ka­ti­on wird ent­spre­chend als OPM-Klas­si­fi­ka­ti­on bezeich­net.

Ergeb­nis­se: Die Phä­no­ty­pen des Krank­heits­be­ginns unter­schei­den die Kör­per­re­gi­on, in der die ers­ten moto­ri­schen Sym­pto­me auf­tre­ten:

  • O1: Beginn im Kopf­be­reich,
  • O2d: Beginn im kör­per­fer­nen Bereich des Arms,
  • O2p: Beginn im kör­per­na­hen Bereich des Arms,
  • O3r: Beginn im Rumpf­be­reich mit Beein­träch­ti­gung der Atmung,
  • O3a: Beginn im Rumpf­be­reich mit Beein­träch­ti­gung der Kör­per­ach­se,
  • O4d: Beginn im kör­per­fer­nen Bereich des Beins,
  • O4p: Beginn im kör­per­na­hen Bereich des Beins.

Die Aus­brei­tungs­phä­no­ty­pen beschrei­ben, wann sich die moto­ri­schen Sym­pto­me von der Aus­gangs­re­gi­on auf eine ande­re, wei­ter ent­fern­te Kör­per­re­gi­on aus­brei­ten:

  • PE: frü­he Aus­brei­tung inner­halb von zwölf Mona­ten nach Sym­ptom­be­ginn,
  • PL: spä­te­re Aus­brei­tung bezie­hungs­wei­se kei­ne Aus­brei­tung inner­halb der ers­ten zwölf Mona­te,
  • PN: noch nicht klas­si­fi­zier­ba­re Aus­brei­tung, da der Sym­ptom­be­ginn weni­ger als zwölf Mona­te zurück­liegt.

Zur Grup­pe mit spä­ter Aus­brei­tung gehö­ren auch bekann­te Erschei­nungs­for­men wie die pro­gres­si­ve Bul­bär­pa­ra­ly­se (O1, PL), das Flail-Arm-Syn­drom (O2p, PL) und das Flail-Leg-Syn­drom (O4d, PL).

Die Phä­no­ty­pen der Moto­neu­ron­stö­rung unter­schei­den das Aus­maß der Betei­li­gung des obe­ren und unte­ren Moto­neu­rons:

  • M0: aus­ge­wo­ge­ne Funk­ti­ons­stö­rung des obe­ren und unte­ren Moto­neu­rons,
  • M1d: über­wie­gen­de Funk­ti­ons­stö­rung des obe­ren Moto­neu­rons,
  • M1p: aus­schließ­li­che Funk­ti­ons­stö­rung des obe­ren Moto­neu­rons, ent­spre­chend der pri­mä­ren Late­ral­skle­ro­se (PLS),
  • M2d: über­wie­gen­de Funk­ti­ons­stö­rung des unte­ren Moto­neu­rons,
  • M2p: aus­schließ­li­che Funk­ti­ons­stö­rung des unte­ren Moto­neu­rons, ent­spre­chend der pro­gres­si­ven Mus­kel­atro­phie (PMA),
  • M3: unter­schied­lich ver­teil­te Moto­neu­ron­stö­rung mit vor­wie­gen­der Betei­li­gung des unte­ren Moto­neu­rons an den Armen und des obe­ren Moto­neu­rons an den Bei­nen. Die­se Form wird als bra­chia­le amyo­tro­phe spas­ti­sche Parapa­re­se bezeich­net.

Schluss­fol­ge­rung: Ziel des Kon­sens­ver­fah­rens war es, die kli­ni­sche Beschrei­bung moto­ri­scher ALS-Phä­no­ty­pen in der medi­zi­ni­schen Ver­sor­gung und For­schung zu ver­ein­heit­li­chen. Grund­la­ge sind die Regi­on des Krank­heits­be­ginns, das Mus­ter der wei­te­ren Aus­brei­tung und die Art der Moto­neu­ron­stö­rung.

Die OPM-Klas­si­fi­ka­ti­on kann dazu bei­tra­gen, die indi­vi­du­el­le Pro­gno­se genau­er ein­zu­schät­zen, Ein- und Unter­tei­lungs­kri­te­ri­en für kli­ni­sche Stu­di­en fest­zu­le­gen und kli­ni­sche Erschei­nungs­for­men mit den zugrun­de lie­gen­den Krank­heits­me­cha­nis­men der ALS in Bezie­hung zu set­zen.