Zusammenfassung
Hintergrund: Die unterschiedlichen motorischen Erscheinungsformen sind ein grundlegendes Merkmal der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS). Einzelne ALS-Formen können mit unterschiedlichen Krankheitsverläufen und Überlebenszeiten verbunden sein. Trotz ihrer Bedeutung für die medizinische Versorgung und Forschung gibt es bislang keinen umfassenden Konsens zur Einteilung der motorischen ALS-Phänotypen.
Methoden: Zwischen Mai 2023 und Dezember 2024 wurde in einem Expertenverfahren ein Konsens zur Klassifikation der motorischen ALS-Phänotypen erarbeitet. Vorgeschlagen wurde eine anatomische Einteilung anhand von drei Merkmalen:
- Region des Krankheitsbeginns (Onset, O),
- Ausbreitung der motorischen Symptome (Propagation, P) und
- Ausmaß der Funktionsstörung des oberen und/oder unteren Motoneurons (Motor neuron dysfunction, M).
Die Klassifikation wird entsprechend als OPM-Klassifikation bezeichnet.
Ergebnisse: Die Phänotypen des Krankheitsbeginns unterscheiden die Körperregion, in der die ersten motorischen Symptome auftreten:
- O1: Beginn im Kopfbereich,
- O2d: Beginn im körperfernen Bereich des Arms,
- O2p: Beginn im körpernahen Bereich des Arms,
- O3r: Beginn im Rumpfbereich mit Beeinträchtigung der Atmung,
- O3a: Beginn im Rumpfbereich mit Beeinträchtigung der Körperachse,
- O4d: Beginn im körperfernen Bereich des Beins,
- O4p: Beginn im körpernahen Bereich des Beins.
Die Ausbreitungsphänotypen beschreiben, wann sich die motorischen Symptome von der Ausgangsregion auf eine andere, weiter entfernte Körperregion ausbreiten:
- PE: frühe Ausbreitung innerhalb von zwölf Monaten nach Symptombeginn,
- PL: spätere Ausbreitung beziehungsweise keine Ausbreitung innerhalb der ersten zwölf Monate,
- PN: noch nicht klassifizierbare Ausbreitung, da der Symptombeginn weniger als zwölf Monate zurückliegt.
Zur Gruppe mit später Ausbreitung gehören auch bekannte Erscheinungsformen wie die progressive Bulbärparalyse (O1, PL), das Flail-Arm-Syndrom (O2p, PL) und das Flail-Leg-Syndrom (O4d, PL).
Die Phänotypen der Motoneuronstörung unterscheiden das Ausmaß der Beteiligung des oberen und unteren Motoneurons:
- M0: ausgewogene Funktionsstörung des oberen und unteren Motoneurons,
- M1d: überwiegende Funktionsstörung des oberen Motoneurons,
- M1p: ausschließliche Funktionsstörung des oberen Motoneurons, entsprechend der primären Lateralsklerose (PLS),
- M2d: überwiegende Funktionsstörung des unteren Motoneurons,
- M2p: ausschließliche Funktionsstörung des unteren Motoneurons, entsprechend der progressiven Muskelatrophie (PMA),
- M3: unterschiedlich verteilte Motoneuronstörung mit vorwiegender Beteiligung des unteren Motoneurons an den Armen und des oberen Motoneurons an den Beinen. Diese Form wird als brachiale amyotrophe spastische Paraparese bezeichnet.
Schlussfolgerung: Ziel des Konsensverfahrens war es, die klinische Beschreibung motorischer ALS-Phänotypen in der medizinischen Versorgung und Forschung zu vereinheitlichen. Grundlage sind die Region des Krankheitsbeginns, das Muster der weiteren Ausbreitung und die Art der Motoneuronstörung.
Die OPM-Klassifikation kann dazu beitragen, die individuelle Prognose genauer einzuschätzen, Ein- und Unterteilungskriterien für klinische Studien festzulegen und klinische Erscheinungsformen mit den zugrunde liegenden Krankheitsmechanismen der ALS in Beziehung zu setzen.