Verlangsamung der ALS-Progression – das Erfolgskriterium für neue ALS-Medikamente  

Für die Ent­wick­lung neu­er ALS-Medi­ka­men­te ist es von zen­tra­ler Bedeu­tung, die Erwar­tun­gen der Pati­en­ten zu ver­ste­hen. Die Pati­en­ten­per­spek­ti­ve ist für Arz­nei­mit­tel­agen­tu­ren in Euro­pa (EMA) und den USA (FDA), phar­ma­zeu­ti­sche Unter­neh­men sowie die ALS-For­schung von erheb­li­cher Rele­vanz. Trotz die­ser Bedeu­tung sind bis­her ALS-Betrof­fe­ne bis­her nicht zu ihrer Ein­schät­zung befragt wor­den.

In einer aktu­el­len Stu­die, ver­öf­fent­licht in der Fach­zeit­schrift Amyo­tro­phic Late­ral Scle­ro­sis and Fron­to­tem­po­ral Dege­ne­ra­ti­on, wur­de die Fra­ge gezielt adres­siert. Ziel der Unter­su­chung war es, die „Mini­mal not­wen­di­ge Ver­lang­sa­mung“ (Eng­lisch: „Mini­mum important slo­wing“, MIS) der ALS-Pro­gres­si­on ermit­teln – das Aus­maß an Ver­lang­sa­mung des Krank­heits­ver­laufs, das Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten als bedeut­sam und the­ra­peu­tisch rele­vant ein­schät­zen wür­den. Hier­zu wur­den 522 Men­schen mit ALS befragt. Die Daten­er­he­bung erfolg­te ent­we­der digi­tal über die ALS App (n = 397) oder im Rah­men von Ambu­lanz­be­su­chen (n = 125). Grund­la­ge war die monat­li­che Ver­än­de­rung der ALS Func­tion­al Rating Sca­le – Revi­sed (ALSFRS‑R). Den Teil­neh­men­den wur­de eine bewusst ein­fach for­mu­lier­te Fra­ge gestellt: „Ab wel­cher Reduk­ti­on der ALS- Geschwin­dig­keit hal­ten Sie ein Medi­ka­ment für the­ra­peu­tisch rele­vant?“

Ins­ge­samt zeig­te sich eine brei­te Spann­wei­te der Erwar­tun­gen. Der media­ne Wert der als rele­vant emp­fun­de­nen Ver­lang­sa­mung lag bei 20 %. Betrof­fe­ne mit schnel­le­rem Krank­heits­ver­lauf gaben häu­fi­ger an, dass sie eine stär­ke­re Ver­lang­sa­mung als bedeut­sam anse­hen, wäh­rend Per­so­nen mit lang­sa­me­rer Pro­gres­si­on bereits gerin­ge­re Effek­te als rele­vant bewer­te­ten. Ins­ge­samt betrach­te­ten 51,7 % der Befrag­ten eine Ver­lang­sa­mung der ALS-Pro­gres­si­on von 20 % oder weni­ger als the­ra­peu­tisch sinn­voll. Bemer­kens­wert ist, dass die­se Ergeb­nis­se gut mit frü­he­ren Befra­gun­gen von ALS-Exper­ten in den USA über­ein­stim­men, in denen eine mini­ma­le kli­nisch rele­van­te Ver­lang­sa­mung von etwa 20–25 % aus ärzt­li­cher Sicht ange­ge­ben wur­de. Damit zeigt sich eine deut­li­che Über­ein­stim­mung zwi­schen der ärzt­li­chen Bewer­tung und den Erwar­tun­gen der Pati­en­tin­nen und Pati­en­ten.

Die Stu­di­en­ergeb­nis­se sind das Design von zukünf­ti­gen kli­ni­schen Stu­di­en von Inter­es­se. Die Befra­gung beför­dert das Argu­ment gegen­über Arz­nei­mit­tel­agen­tu­ren (EMA und FDA), dass auch eine mode­ra­te Ver­lang­sa­mung der ALS-Pro­gres­si­on als kli­nisch rele­vant aner­kannt wer­den soll­te.

Refe­renz:

Mey­er T, Mai­er A, Grehl T, Wey­en U, Rödi­ger A, Smes­ny U, Stein­bach R, Gross­kreutz J, Göri­cke B, Bern­sen S, Weydt P, Fabi­an R, Petri S, Lumi R, Bje­li­ca B, Boen­tert M, Lin­g­or P, Ket­te­mann D, Nor­den J, Wal­ter B, Riita­no A, Schu­mann P, Münch C, Spit­tel S.
Mini­mum important slo­wing of dise­a­se pro­gres­si­on as deter­mi­ned by the ALS func­tion­al rating sca­le – a sur­vey of pati­ent expec­ta­ti­ons toward dise­a­se-modi­fy­ing drugs in ALS.

Autor: Prof. Dr. Tho­mas Mey­er


22. Januar 2026