SOD1-Gen-Screening bei ALS und Überleitung zur Tofersen-Therapie – Studie aus ALS-Zentren in Deutschland publiziert  

Gegen­stand der For­schung: In einem gene­ti­schen Scree­ning-Pro­gramm an 11 ALS-Zen­tren in Deutsch­land wur­de bei 1935 ALS-Pati­en­ten das Vor­lie­gen von gene­ti­schen Ver­än­de­run­gen im SOD1-Gen (sowie 3 wei­te­ren ALS-Genen) ana­ly­siert. Bei Betrof­fe­nen mit SOD1-Muta­tio­nen wur­de die Über­lei­tung zur Tofer­sen-Behand­lung unter­sucht.

Neue Behand­lungs­mög­lich­keit für SOD1-asso­zi­ier­te ALS: Das Anti­sen­se-Oli­go­nu­kleo­tid Tofer­sen wur­de von der US-Gesund­heits­be­hör­de „FDA“ in einem beson­de­ren Sta­tus („acce­le­ra­ted appr­oval“) bei ALS-Pati­en­ten zuge­las­sen, die Muta­tio­nen im SOD1-Gen aus­wei­sen (SOD1-ALS). Erst kürz­lich wur­de Tofer­sen von der Euro­päi­schen Arz­nei­mit­tel­agen­tur „EMA“ für die Euro­päi­schen Uni­on zuge­las­sen. Mit der Ver­füg­bar­keit von Tofer­sen hat sich die Bedeu­tung von gene­ti­scher Dia­gnos­tik ver­än­dert – sie wur­de (poten­zi­ell) the­ra­pie­re­le­vant. 

SOD1-Scree­ning-Pro­gramm: Obwohl gene­ti­sche Dia­gnos­tik bei der ALS prin­zi­pi­ell mög­lich ist, gibt es meh­re­re Bar­rie­ren für mole­ku­lar­ge­ne­ti­sche Ana­ly­sen: 1) Gen­tests bei spo­ra­di­scher ALS sind noch nicht all­ge­mein eta­bliert; 2) Der Über­wei­sungs­pro­zess von ALS-Zen­tren zu Fach­ärz­ten für Human­ge­ne­tik kann eine eine admi­nis­tra­ti­ve oder logis­ti­sche Bar­rie­re dar­stel­len; 3) Ter­mi­ne bei gene­ti­schen Fach­ärz­ten sind begrenzt und kön­nen mit mehr­mo­na­ti­gen War­te­zei­ten ver­bun­den sein. Um die Zugangs­bar­rie­ren zu gene­ti­schen Unter­su­chun­gen zu sen­ken, wur­de Von Okto­ber 2021 bis Febru­ar 2024 das SOD1-Sree­ning-Pro­gramm durch­ge­führt und ana­ly­siert. 

Optio­na­le Mit­tei­lung gene­ti­scher Befun­de: Das Scree­ning umfass­te die Unter­su­chung der Gene von SOD1, FUS, C9orf72 und TARDBP. Gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen kön­nen für Pati­en­ten und ihre Ange­hö­ri­gen psy­cho­lo­gisch belas­tend sein. Daher wur­den den Pati­en­ten zwei Mög­lich­kei­ten der gene­ti­schen Infor­ma­ti­on ange­bo­ten: 1) Benach­rich­ti­gung über alle Ergeb­nis­se der Gen­ana­ly­se oder 2) aus­ge­wähl­te Benach­rich­ti­gung über gene­ti­sche Ergeb­nis­se, die für die Behand­lung rele­vant sind (SOD1 für die Behand­lung mit Tofer­sen; FUS-Muta­tio­nen für die lau­fen­de kli­ni­sche Stu­die bei FUS-ALS).

Über­gang zur Tofer­sen-Behand­lung: Die Dau­er von der gene­ti­schen Unter­su­chung bis zur Behand­lung wur­de ana­ly­siert. Dabei wur­de die Latenz­zeit von der gene­ti­schen Ana­ly­se und der Über­lei­tung (Tran­si­ti­on) bis zur The­ra­pie mit Tofer­sen dif­fe­ren­ziert.

Ergeb­nis­se der Stu­die:

  • In der Gesamt­heit der ALS-Pati­en­ten war die fami­liä­re ALS sel­ten (5,3 %). 
  • Fast die Hälf­te der Pati­en­ten (48,8 %; n=928) ent­schied sich für eine ein­ge­schränk­te Mit­tei­lung der gene­ti­schen Befun­de (nur behand­lungs­re­le­van­te Infor­ma­tio­nen). 
  • bei 2,6% der Pati­en­ten (n=50) wur­den behand­lungs­re­le­van­te SOD1-Muta­tio­nen iden­ti­fi­ziert.
  • Zwei­drit­tel der SOD1-Pati­en­ten (68,0 %; n=34) hat­ten eine nega­ti­ve Fami­li­en­ge­schich­te
  • Drei­vier­tel der SOD1-Pati­en­ten (74,0 %; n=37) – das ent­spricht 1,9 % aller Teil­neh­mer des Scree­ning-Pro­gramms – haben eine Tofer­sen-The­ra­pie erhal­ten. 
  • Die mitt­le­re Dau­er vom Beginn der gene­ti­schen Ana­ly­se bis zur Tofer­sen-Behand­lung betrug 94 Tage (57 bis 295 Tage). 

Schluss­fol­ge­run­gen:

  • Das SOD1-Scree­ning war eine effek­ti­ve Metho­de, um SOD1-Muta­tio­nen zu iden­ti­fi­zie­ren.
  • Der Nach­weis von SOD1-Vari­an­ten bei Pati­en­ten mit nega­ti­ver Fami­li­en­ana­mne­se unter­streicht die Not­wen­dig­keit eines umfas­sen­den gene­ti­schen Scree­nings bei ALS. 
  • Die Mehr­heit der SOD1-ALS-Pati­en­ten konn­te zur Tofer­sen-The­ra­pie über­ge­lei­tet wer­den
  • Die Latenz­zeit von der gene­ti­schen Ana­ly­se bis zur Tofer­sen-Behand­lung war recht hoch und varia­bel.
  • Um einen schnel­len Zugang zur SOD1-Dia­gnos­tik und The­ra­pie zu gewähr­leis­ten, ist ein Tofer­sen-Pati­en­ten-Manage­ment-Pro­gramm (PSP) not­wen­dig.

Autor: Prof. Dr. Tho­mas Mey­er


18. September 2024