Zusammenfassung
Zielsetzung: Ziel der Studie war es, die Bedeutung der leichten Neurofilamentkette im Serum (sNfL) bei verschiedenen klinischen Erscheinungsformen der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) zu untersuchen.
Methoden: Bei 2.949 Menschen mit ALS an 16 ALS-Zentren in Deutschland und Österreich wurden klinische Merkmale und die sNfL-Konzentration erfasst. Die klinischen Erscheinungsformen wurden anhand zweier Kriterien unterschieden:
- Beteiligung des oberen und/oder unteren Motoneurons: typische ALS (typMN), vorwiegende Beteiligung des oberen Motoneurons (UMNp), vorwiegende Beteiligung des unteren Motoneurons (LMNp) und primäre Lateralsklerose (PLS).
- Körperregion des Krankheitsbeginns und der weiteren Ausbreitung: bulbärer Beginn, Beginn an Armen oder Beinen, Flail-Arm-Syndrom, Flail-Leg-Syndrom und Beginn im Rumpfbereich.
Anschließend wurden die klinischen Erscheinungsformen mit der sNfL-Konzentration, der Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufs und der Überlebenszeit in Beziehung gesetzt.
Ergebnisse: Im Vergleich zur typischen ALS mit einer mittleren sNfL-Konzentration von 75,7 pg/ml waren die Werte bei vorwiegender Beteiligung des unteren Motoneurons (45,1 pg/ml), vorwiegender Beteiligung des oberen Motoneurons (58,7 pg/ml) und bei PLS (37,6 pg/ml) deutlich niedriger.
Auch in Abhängigkeit von der Körperregion des Krankheitsbeginns zeigten sich Unterschiede. Die mittleren sNfL-Werte betrugen:
- 92,7 pg/ml bei bulbärem Beginn,
- 64,1 pg/ml bei Beginn an Armen oder Beinen,
- 46,4 pg/ml beim Flail-Arm-Syndrom,
- 53,6 pg/ml beim Flail-Leg-Syndrom und
- 74,5 pg/ml bei Beginn im Rumpfbereich.
Den stärksten Zusammenhang mit erhöhten sNfL-Werten zeigten ein schnellerer Krankheitsverlauf und ein bulbärer Krankheitsbeginn. Dagegen waren PLS, eine vorwiegende Beteiligung des unteren Motoneurons und ein Krankheitsbeginn im Rumpfbereich mit niedrigeren sNfL-Werten verbunden.
Bei wiederholten Messungen über einen Zeitraum von durchschnittlich zwölf Monaten blieben die sNfL-Werte in allen klinischen Erscheinungsformen weitgehend stabil. Die monatlichen Veränderungen lagen unter 0,2 Prozent. Zudem bestätigte die Studie den Zusammenhang zwischen sNfL und der Überlebenszeit.
Schlussfolgerungen: Die Studie zeigt, dass die sNfL-Konzentration bei ALS wesentlich von der klinischen Erscheinungsform, der betroffenen Motoneuronenart und der Region des Krankheitsbeginns beeinflusst wird. Diese Faktoren stehen außerdem mit der Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufs und der Überlebenszeit in Zusammenhang.
Bei der Auswertung von sNfL-Werten in klinischen Studien und in der medizinischen Versorgung müssen die unterschiedlichen ALS-Formen daher als eigenständige Einflussfaktoren berücksichtigt werden.