Zusammenfassung
Zielsetzung: Bei genetisch bedingten Formen der Amyotrophen Lateralsklerose (ALS) sind die klinischen Erscheinungsformen, der Krankheitsverlauf und die Konzentration der leichten Neurofilamentkette (NfL) bislang nicht vollständig charakterisiert.
Methoden: In einer Gesamtgruppe von 1.988 Menschen mit ALS wurde eine Untergruppe mit genetisch bedingter ALS untersucht. Dazu gehörten 137 Personen mit einer Veränderung im C9orf72-Gen, 54 mit einer SOD1-Variante, 27 mit einer TARDBP-Variante und 19 mit einer FUS-Variante.
Die Region des Krankheitsbeginns, die Ausbreitung der Symptome und die Beteiligung des oberen und unteren Motoneurons wurden anhand der OPM-Klassifikation untersucht. Zusätzlich wurde die Konzentration der leichten Neurofilamentkette im Serum (sNfL) bestimmt und mit der ALS-Progressionsrate in Beziehung gesetzt. Die Progressionsrate wurde anhand der monatlichen Veränderung der überarbeiteten ALS-Funktionsskala (ALSFRS‑R) berechnet.
Um die Höhe der NfL-Konzentration im Verhältnis zur Progressionsrate zu bestimmen, wurde außerdem der logarithmierte NfL-Index berechnet. Dieser beschreibt das Verhältnis zwischen sNfL und der Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufs.
Ergebnisse: Bei der C9orf72-assoziierten ALS trat häufig ein bulbärer Krankheitsbeginn auf (42,6 Prozent). Diese Form zeigte eine höhere Progressionsrate, die höchsten NfL-Werte und den höchsten NfL-Index.
Die SOD1-assoziierte ALS begann überwiegend an den Armen oder Beinen (96,1 Prozent). Sie war mit einer langsameren Progressionsrate verbunden, wies jedoch hohe NfL-Werte und einen vergleichbar hohen NfL-Index auf.
Auch die FUS-assoziierte ALS begann meist an den Armen oder Beinen (82,4 Prozent). Bei 70,6 Prozent der Betroffenen stand eine Funktionsstörung des unteren Motoneurons im Vordergrund. Die Geschwindigkeit des Krankheitsverlaufs reichte von schnelleren bis zu langsameren Verläufen. Die NfL-Werte und der NfL-Index waren niedriger als bei C9orf72- und SOD1-ALS.
Die TARDBP-assoziierte ALS zeigte die niedrigste Progressionsrate sowie die niedrigsten NfL-Werte und den niedrigsten NfL-Index der untersuchten genetischen Gruppen.
Schlussfolgerung: Bei der C9orf72-assoziierten ALS ähneln die klinische Erscheinungsform und das NfL-Profil der typischen ALS. Dagegen zeigen die SOD1‑, FUS- und TARDBP-assoziierten Formen jeweils charakteristische klinische Erscheinungsformen und unterschiedliche NfL-Muster.
Diese Unterschiede sind für die individuelle Prognoseberatung, die Planung klinischer Studien und die Einschätzung möglicher Behandlungsergebnisse von Bedeutung. Darüber hinaus können sie zu einem besseren Verständnis der Krankheitsmechanismen bei ALS beitragen.