Positive Ergebnisse der ANQUR-Studie bei der sporadischen ALS – Daten der Phase 1b/2a-Studie  

Auf der wis­sen­schaft­li­chen Kon­fe­renz der ame­ri­ka­ni­schen Pati­en­ten­or­ga­ni­sa­ti­on Tar­get ALS wur­den Zwi­schen­er­geb­nis­se einer ALS-Pha­se-1b/2a-Stu­die des US-Bio­tech-Unter­neh­mens QurA­lis vor­ge­stellt. Dabei han­delt es sich um Ergeb­nis­se der ANQUR-Stu­die, in der die Ver­träg­lich­keit und geeig­ne­te Dosie­rung des Medi­ka­men­tes QRL-201 unter­sucht wur­den. An der Stu­die nah­men welt­weit ins­ge­samt 69 Pati­en­ten teil, dar­un­ter fünf Pati­en­ten an der Cha­ri­té.

Wirk­prin­zip von QRL-201 bei der ALS. Das nor­ma­le (phy­sio­lo­gi­sche) TDP-43 ist am gene­ti­schen Mon­ta­ge­pro­zess („Spli­cing“) von Stathmin‑2 (STMN‑2) betei­ligt, das ein wich­ti­ger Bestand­teil der Mikro­tu­bu­li von Ner­ven­zel­len ist. Bei der ALS kommt es zu einem Ver­lust von lös­li­chem TDP-43 im Zell­kern, wodurch der „Splicing“-Mechanismus von STMN‑2 gestört wird. In der phy­sio­lo­gi­schen (nor­ma­len) Zel­le ver­hin­dert das lös­li­che (intak­te) TDP-43 den feh­ler­haf­ten („aberran­ten“) Ein­bau von Exon 2A in die Stath­min-2-RNA (Abb. links). Bei der ALS kommt es zu einem Ver­lust von lös­li­chem, funk­tio­nel­lem TDP-43, sodass das aberran­te Exon 2A ein­ge­baut wird. In der Fol­ge kommt es zum Abbau der RNA und zum Ver­lust des STMN-2-Pro­te­ins (Abb. Mit­te). QRL-201 ist ein Anti­sen­se-Oli­go­nu­kleo­tid (ASO), das die Rol­le von TDP-43 im Spli­cing-Mecha­nis­mus über­nimmt und den Ein­bau von Exon 2A ver­hin­dert. Dadurch kann STMN‑2 wie­der gebil­det wer­den (Abb. rechts).

Die wirk­sams­te Dosie­rung (10 mg QRL-201) zeig­te in der Zwi­schen­aus­wer­tung bei einer mitt­le­ren Behand­lungs­dau­er von 253 Tagen eine Ver­lang­sa­mung der ALS-Pro­gres­si­on um bis zu 50 %. Von erheb­li­cher Bedeu­tung ist zudem eine zwei­te Beob­ach­tung der Stu­die: Unter der Behand­lung mit QRL-201 konn­te eine Reduk­ti­on von Neu­ro­fi­la­men­ten im Serum (NfL) und Liqu­or (pNfH) nach­ge­wie­sen wer­den. Der Bio­mar­ker NfL ist ein eta­blier­ter Pro­gres­si­ons­mar­ker bei der ALS, der erst­mals im Rah­men der Zulas­sung des Medi­ka­men­tes Tofer­sen (Qal­so­dy) von den Arz­nei­mit­tel­be­hör­den in den USA und Euro­pa als The­ra­pie­mar­ker aner­kannt wur­de. Seit­dem hat NfL beson­de­re Auf­merk­sam­keit erlangt und gilt als wich­ti­ges bio­lo­gi­sches Signal für das Anspre­chen einer The­ra­pie bei der ALS.

Das Medi­ka­ment QRL-201 zielt auf einen Schlüs­sel­me­cha­nis­mus der ALS ab – die patho­lo­gi­sche Abla­ge­rung des Pro­te­ins TDP-43. Die­ses Pro­te­in gilt als wesent­li­ches Merk­mal der ALS, da TDP-43 bei über 95 % aller ALS-Pati­en­ten ver­än­dert ist und sich auf patho­lo­gi­sche Wei­se in Ner­ven­zel­len abla­gert. Die­se Abla­ge­run­gen ver­hin­dern die Bil­dung von Stathmin‑2 (STMN2), das ein wich­ti­ger Bestand­teil des Zyto­ske­letts von Moto­neu­ro­nen ist und für die Lebens­fä­hig­keit moto­ri­scher Ner­ven­zel­len eine ent­schei­den­de Rol­le spielt.

Die Ergeb­nis­se der ANQUR-Stu­die sind ins­ge­samt als posi­tiv zu bewer­ten. Sie zei­gen eine aus­rei­chen­de Ver­träg­lich­keit und gute Durch­führ­bar­keit der The­ra­pie. Dar­über hin­aus erga­ben sich posi­ti­ve Signa­le hin­sicht­lich der ALS-Pro­gres­si­on und der Neu­ro­fi­la­ment-Bio­mar­ker. Auf­grund der gerin­gen Pati­en­ten­zahl sind die sta­tis­ti­schen Vor­aus­set­zun­gen für eine Zulas­sung des Medi­ka­men­tes der­zeit jedoch noch nicht erfüllt. Auf Grund­la­ge der vor­lie­gen­den Ergeb­nis­se wer­den nun die Vor­be­rei­tun­gen für eine Pha­se-3-Zulas­sungs­stu­die getrof­fen, deren Beginn für das Jahr 2027 geplant ist.

Über die ANQUR-Stu­die (Pha­se 1b/2)

Das US-Bio­tech­un­ter­neh­men QurA­lis hat eine pla­ce­bo-kon­trol­lier­te Pha­se-1b/2‑­Stu­die durch­ge­führt, in der das Medi­ka­ment QRL-201 unter­sucht wur­de. In die­ser Stu­di­en­pha­se wur­den zunächst die Sicher­heit und die geeig­ne­te Dosie­rung von QRL-201 über­prüft. Die Unter­su­chung der Wirk­sam­keit ist in die­ser frü­hen Pha­se der Medi­ka­men­ten­ent­wick­lung kein pri­mä­res Stu­di­en­ziel. Die Stu­die wur­de vom US-Bio­tech-Unter­neh­men QurA­lis initi­iert und an ver­schie­de­nen Stu­di­en­zen­tren in Kana­da und Euro­pa durch­ge­führt, dar­un­ter an der ALS-Ambu­lanz der Cha­ri­té in Ber­lin sowie in Ulm, Lübeck und wei­te­ren aus­ge­wähl­ten ALS-Zen­tren in Deutsch­land.

Über das Anti­sen­se-Oli­go­nu­kleo­tid (ASO) QRL-201 

QRL-201 ist ein Anti­sen­se-Oli­go­nu­kleo­tid (ASO) – ein gene­ti­sches Medi­ka­ment, das auf Ebe­ne der Boten-RNA (mRNA) die Pro­duk­ti­on des Pro­te­ins Stathmin‑2 (STMN2) erhöht. STMN2 wird durch die ALS-beding­te Abla­ge­rung von TDP-43 gehemmt. Das ASO QRL-201 soll die nega­ti­ven Effek­te von TDP-43 kom­pen­sie­ren und die Bil­dung von STMN2 wie­der stei­gern. Mit die­sem Wirk­me­cha­nis­mus soll der Ver­lust moto­ri­scher Ner­ven­zel­len auf­ge­hal­ten wer­den. ASO sind eine Grup­pe inno­va­ti­ver Medi­ka­men­te, die dar­auf abzie­len, gene­ti­sche Infor­ma­tio­nen im Kör­per gezielt zu beein­flus­sen. Im Fall von QRL-201 soll die Boten-RNA von Stathmin‑2 (STMN2) „geschützt“ wer­den, die durch fehl­re­gu­lier­tes TDP-43 beein­träch­tigt wird. Die gestör­te Bil­dung des Pro­te­ins STMN2 kann mit­hil­fe eines ASO kor­ri­giert wer­den, sodass die ursprüng­li­che Funk­ti­on von STMN2 wie­der­her­ge­stellt wird. ASO wer­den in regel­mä­ßi­gen Abstän­den mit­tels Lum­bal­punk­ti­on in den Liqu­or cere­bro­s­pi­na­lis („Ner­ven­was­ser“) appli­ziert. Das ASO QRL-201 wur­de vom Bio­tech­no­lo­gie­un­ter­neh­men QurA­lis (Cam­bridge, USA) ent­wi­ckelt.

Links:

Bericht in Bio­space

Pres­se­mit­tei­lung von QurA­lis

Autor: Prof. Dr. Tho­mas Mey­er


10. Mai 2026