DMC-Behandlung bei der ALS – Studienergebnisse aus Deutschland 

Dextromethorphan/Chinidin (DMC) hat sich als Off-Label-Behand­lungs­op­ti­on zur Lin­de­rung bul­bä­rer Sym­pto­me bei ALS eta­bliert. Die­ser in „Amyo­tro­phic Late­ral Scle­ro­sis and Fron­to­tem­po­ral Dege­ne­ra­ti­on” ver­öf­fent­lich­te Arti­kel berich­tet über die Erfah­run­gen von ALS-Pati­en­ten, die mit DMC zur Ver­min­de­rung einer Sprech- oder Schluck­stö­rung behan­delt wor­den sind.

Es wur­den kli­ni­sche Daten von 1.065 ALS-Pati­en­ten ana­ly­siert, die DMC erhal­ten haben. Die­se Daten wur­den zwi­schen Okto­ber 2015 und Juni 2025 erho­ben. Bei die­ser Stu­die han­delt es sich um die welt­weit umfang­reichs­te Ana­ly­se zu DMC bei der ALS. Die Ana­ly­se wur­de durch die gemein­sa­me Arbeit von 13 ALS-Zen­tren in Deutsch­land ermög­licht. Die­se Arbeit knüpft auch an die wich­ti­gen For­schungs­er­geb­nis­se von Richard Smith, Eric Pio­ro, Lau­ren Gray und ande­ren ALS-Teams bei der Ent­wick­lung von DMC für die sym­pto­ma­ti­sche ALS-Behand­lung an.

Die meis­ten Daten wur­den retro­spek­tiv erho­ben. Pati­en­ten, die der­zeit im ALS-Apo­the­ken­pro­gramm mit DMC behan­delt wer­den, wur­den gebe­ten, an einer Umfra­ge zu DMC über die ALS-App teil­zu­neh­men. 179 ALS-Pati­en­ten nah­men teil und füll­ten drei Ska­len aus: die selbst­er­klä­ren­de ALS-Funk­ti­ons­ska­la (ALS­FRS-R-SE), den Net Pro­mo­ter Score (NPS) und den Tre­at­ment Satis­fac­tion Ques­ti­on­n­aire for Medi­ca­ti­on (TSQM‑9).

Die Daten­ana­ly­se erbrach­te wesent­li­che Erkennt­nis­se, die hier kurz zusam­men­ge­fasst wer­den: Die durch­schnitt­li­che DMC-Behand­lungs­dau­er betrug 8,4 Mona­te. Bemer­kens­wert ist, dass fast 30 % der Pati­en­ten län­ger als neun Mona­te behan­delt wur­den. Ins­ge­samt zeig­te sich bei der Behand­lungs­zu­frie­den­heit – gemes­sen anhand des TSQM‑9 – eine hohe Zufrie­den­heit: Wirk­sam­keit 60,0 (SD 25,9), Kom­fort 73,8 (SD 18,2) und Gesamt­zu­frie­den­heit 63,4 (SD 29,8).

Eine genaue­re Betrach­tung des NPS ergab eine dif­fe­ren­zier­te Sicht­wei­se auf DMC. Pati­en­ten mit höhe­rer ALS-Pro­gres­si­on zeig­ten eine gerin­ge­re Emp­feh­lung des Medi­ka­ments (NPS +4) im Ver­gleich zu Pati­en­ten mit mitt­le­rer (NPS +13) oder lang­sa­mer Pro­gres­si­on (NPS +32). Es kann nicht aus­ge­schlos­sen wer­den, dass Pati­en­ten mit schnel­le­rer Pro­gres­si­on ande­re Krank­heits­me­cha­nis­men auf­wei­sen und mit einer gerin­ge­ren Wirk­sam­keit von DMC ver­bun­den sind. Eine ande­re medi­zi­ni­sche Erklä­rung ist, dass der Nut­zen von DMC durch das Fort­schrei­ten der bul­bä­ren Sym­pto­me bei schnel­ler fort­schrei­ten­der ALS über­la­gert wird. Aller­dings emp­fah­len selbst bei Pati­en­ten mit aggres­si­ver ALS mehr als 44 % das Medi­ka­ment ihren Mit­pa­ti­en­ten.

Was ist das wich­tigs­te Ergeb­nis der Stu­die? Ins­ge­samt sind die meis­ten Pati­en­ten mit DMC zur Behand­lung der bul­bä­ren Sym­pto­me bei ALS zufrie­den. Gleich­zei­tig müs­sen die Erwar­tun­gen an die indi­vi­du­el­len Sym­pto­me und die ALS-Pro­gres­si­on ange­passt wer­den, wenn Pati­en­ten auf DMC medi­ka­men­tös ein­ge­stellt wer­den.

Die­se Stu­die weist meh­re­re Ein­schrän­kun­gen auf. Die von den Pati­en­ten berich­te­ten Ergeb­nis­se wur­den aus­schließ­lich über die ALS-App erho­ben. Daher ist es denk­bar, dass Pati­en­ten, die kei­ne ALS-App nut­zen – und daher von die­ser Umfra­ge weit­ge­hend „aus­ge­schlos­sen“ waren – ande­re Erfah­run­gen mit DMC berich­tet hät­ten. Gleich­zei­tig ist zu beto­nen, dass die Nut­zung der ALS-App sich in Zukunft zu einem gro­ßen Vor­teil ent­wi­ckeln wird: Die digi­ta­le Teil­nah­me an For­schung ermög­licht es ALS-Pati­en­ten, direkt, in „Echt­zeit“ und über grö­ße­re Distan­zen hin­weg an For­schung teil­zu­neh­men.

In einem aktu­el­len Pro­jekt im ALS-Apo­the­ken­pro­gramm wer­den Pati­en­ten gebe­ten, die ALS-Funk­ti­ons­ska­la (ALS­FRS-R-SE) vor, unmit­tel­bar nach und regel­mä­ßig wäh­rend der DMC-Behand­lung aus­zu­fül­len. Mit die­sem Vor­her-Nach­her-Ver­gleich der DMC-The­ra­pie erwar­ten wir noch prä­zi­se­re Daten zum Nut­zen von DMC bei der ALS.

Link

Spit­tel S, Grehl T, Weydt P, Ket­te­mann D, Fabi­an R, Rödi­ger A, Smes­ny U, Stein­bach R, Ilse B, Wey­en U, Petri S, Lumi R, Bje­li­ca B, Lin­g­or P, Gross­kreutz J, Göri­cke BM, Pfeil­schif­ter W, Schme­ja W, Dorst J, Mensch A, Sie­bert J, Nor­den J, Bern­sen S, Subra­ma­ni­an SK, Hil­de­brandt B, Wal­ter B, Münch C, Mai­er A, Mey­er T.
Dextromethorphan/quinidine (DMQ) for redu­cing bul­bar sym­ptoms in amyo­tro­phic late­ral scle­ro­sis – assess­ment of tre­at­ment expe­ri­ence in a mul­ti­cen­ter stu­dy.


14. September 2025